Soziales Kompetenztraining für einen Hochbegabten

Zum Welt-Autismus-Tag am 2. April: Wie Angelos gelernt hat, mit Menschen umzugehen

 

Datum: 27. März 2025, 10:34 Uhr
Birgit und Angelos Rizos mit Familienhund Kafina im Garten ihres Heims

Pfronten/Füssen / 2. April 2025 – Autismus ist keine einheitliche Diagnose, sondern ein Spektrum mit unterschiedlichen Ausprägungen. Während manche Betroffene intensive Unterstützung im Alltag benötigen, führen andere ein weitgehend selbstständiges Leben, oft jedoch mit besonderen Bedürfnissen und Herausforderungen vor allem im sozialen und zwischenmenschlichen Bereich. Das heilpädagogisch-therapeutische Zentrum (HtZ) Allgäu in Füssen ist eine Einrichtung des Dominikus-Ringeisen-Werks und bietet soziales Kompetenztraining (SKT) für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Der Fokus liegt auf Personen im Autismus-Spektrum sowie auf Menschen mit anderweitigen Beziehungs- und Kommunikationsbeeinträchtigungen. Am sozialen Kompetenztraining nimmt auch Angelos Rizos (14) seit nunmehr sechs Jahren teil. Er ist Autist. Wir haben ihn zuhause besucht.

Es ist kein idealer Tag für ein Treffen. Im Hause Rizos haben sich überraschend die Handwerker eingefunden und im Nebenzimmer wechselt sich ein dröhnender Presslufthammer mit lärmenden Bohrgeräuschen ab. Dennoch heißt Angelos die Besucherin freundlich willkommen, bietet einen Sitzplatz an der Kücheneckbank an und fragt nach einem Getränkewunsch. Was für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, war für Angelos noch vor gut einem halben Jahr völlig undenkbar. Nicht nur wegen des Lärms, der für ihn als Autist mit einem IQ von über 148 eine besondere Herausforderung darstellt, sondern vor allem, weil es für ihn lange nicht selbstverständlich war, soziale Rituale wie eine Begrüßung zu erkennen und zu vollziehen. Mutter Birgit Rizos (55) sitzt mit am Tisch und betrachtet die Szene lächelnd.

Das Heilpädagogisch therapeutische Zentrum in Füssen als Anlaufstelle

Sie weiß, wieviel Arbeit und Überwindung in diesen kleinen Gesten stecken. „Das alles hat Angelos im sozialen Kompetenztraining (SKT) des heilpädagogisch- therapeutischen Zentrums (HtZ) in Füssen gelernt“, kommentiert sie die vorangegangene Szene. Ins HtZ geht Angelos einmal die Woche. Hier erlernt er zwischenmenschliche Interaktionen. Diese waren für ihn zu Beginn seines Lebens nebensächlich und uninteressant. Um zu zeigen, wie sein Gehirn im Vergleich zu dem seiner Mitmenschen funktioniert, malt er auf einem Blatt Papier acht Punkte in zwei einander gegenüberliegenden Reihen auf. „Links ist jeweils ein Problempunkt“, erklärt er und zieht einen Strich zum rechten Punkt, den er als „Lösung“ festlegt. „So funktioniert das Gehirn bei normalen Menschen“, sagt er und zeigt in einer weiteren Zeichnung, wie sein Gehirn arbeitet: „Wenn ich ein Problem sehe, gehe ich auch zuerst direkt auf eine Lösung zu. Auf halber Strecke fällt mir ein, dass mein Problem mit einem verwandten Problem zu tun haben könnte und ich biege ab. Dann merke ich, dass die Lösung der beiden Probleme eine Verbindung zur Lösung eines dritten Problems hat und am Ende ist alles miteinander verwoben und gelöst.“ Angelos hat inzwischen eine Art Gitternetz aufgezeichnet und forscht im Gesicht seines Gegenübers nach Verständnis für seine Ausführungen.

Stoff der Oberstufe aber nur mit Begleitung in die Schule

Mutter Birgit Rizos schmunzelt: „So hat er sich wohl auch im Alter von fünf Jahren das Lesen selbst beigebracht, ohne dass wir es bemerkt haben.“ „Ja, und mit acht Jahren Englisch in Wort und Schrift“, ergänzt Angelos als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Aber wie kann es sein, dass man sich auf der einen Seite von seinem Cousin, der in Griechenland Mathematik studiert, auf Englisch den gymnasialen Oberstufenstoff vermitteln lässt und auf der anderen Seite den Schulalltag an der Pfrontener Mittelschule nur mit Schulbegleitung bewältigt? Wenn man sich selbst auf der Gitarre komplizierte und rasend schnelle Fingerläufe beibringt und sich gleichzeitig nicht selbst die Schuhe binden kann? Sina-Marie Schubert vom HtZ Allgäu kennt die Schwierigkeiten, die Menschen im Autismus Spektrum im Alltag haben: „Diese Menschen haben häufig ein ungleichmäßiges Fähigkeitsprofil. Während bestimmte kognitive Bereiche wie zum Beispiel analytisches Denken, Mustererkennung, Sprachen oder Musik hoch entwickelt sein können, sind Feinmotorik oder soziale Interaktionen eher schwächer ausgeprägt. Im sozialen Kompetenztraining lernt Angelos mit anderen Kindern und Jugendlichen in Kleingruppen spielerisch, wie er in Alltagssituationen angemessen agieren kann. Angelos hat inzwischen viele soziale Kompetenzen erlernt, die ihm helfen, mit Reizüberflutung, Emotionen und zwischenmenschlichen Kontakten besser fertig zu werden.“

Bürokratie oft wenig hilfreich

Birgit Rizos kann das von ganzem Herzen bestätigen. Dennoch will sie die Herausforderungen im Alltag mit einem besonderen Kind nicht verschweigen. Speziell den Umgang mit Ämtern und Behörden kostet Kraft. Jedes Jahr aufs Neue stellt sie einen Antrag für die Teilnahme ihres Sohnes am sozialen Kompetenztraining. Immer wieder gab es Wechsel bei Angelos Schulbegleitung, obwohl gerade hier Kontinuität so wichtig ist. Bei manchen stimmte einfach die Chemie nicht und etliche gaben schnell wieder auf, weil das Jugendamt als Kostenträger sehr wenig bezahlt. Inzwischen hat sich Birgit Rizos ein persönliches Budget erkämpft, das es ihr ermöglicht, eine geeignete Schulbegleiterin selbst einzustellen und besser zu bezahlen.

Ein Denken in Farben und Zahlen

Dennoch sieht sie ihren Sohn als große Bereicherung für die ganze Familie: „Bei irgendwelchen Wissenslücken fragen wir alle immer zuerst Angelos. Geschichtswissen, Namen, Daten, Fakten, Geophysik oder Weltpolitik: Angelos rattert alles runter und erzählt oft mehr, als wir eigentlich wissen wollten. Auch bei Computerproblemen ist er unsere erste Anlaufstelle. Er hat ja bereits mit sechs Jahren begonnen zu programmieren.“ Wie Angelos sich dieses breite Wissen erworben hat, kann er selbst gar nicht so genau sagen: „Ich denke in Farben und Zahlen. Besser kann ich das nicht erklären.“

Soziales Kompetenztraining im Dominikus-Ringeisen-Werk
Das Dominikus-Ringeisen-Werk bietet Soziales Kompetenztraining für Menschen im Autismus-Spektrum (AS) und ADHS in seinen Heilpädagogisch therapeutischen Zentren in Ursberg, Aschaffenburg, Augsburg, Füssen, Illertissen und Würzburg an. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen dabei in strukturierten Trainingssituationen, die ihnen Vorhersehbarkeit und Sicherheit geben. Sie entwickeln Alternativen für Handlungen, erleben erweiterte Lernorte, lernen sozial-kommunikative Kompetenzen kennen und üben diese ein. Ziel ist es, Teilhabemöglichkeiten der Betroffenen am gesellschaftlichen Leben zu stärken.

Soziales Kompetenztraining im DRW

 

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